Urnenfeld im Rosengarten
Aus Awiki aus Schoeneiche
von Wolfgang Cajar
Der Rosengarten, ein großes Ackerareal, befand sich einst am Fuße der Fuchsberge östlich und westlich der Straße, die von Kleinschönebeck nach Woltersdorf führte. Das Gelände lag in beiden Gemeindegemarkungen. Das zu Kleinschönebeck gehörende Teilgebiet von etwa 12 Hektar Größe war Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch vorwiegend landwirtschaftlich genutzt. Jedoch schritt die Besiedlung des Woltersdorfer Schönblick und des Kleinschönebecker Hohenberge so sichtbar voran, daß eine Bebauung des Rosengarten schon absehbar wurde. Der Rosengarten hatte schon immer etwas Geheimnisvolles, rankten sich doch um ihn manche Sagen über flackernde blaue Lichter, die Wanderer nächtlich verwirrten.
Schon zu Beginn des Jahrhunderts ging der in Woltersdorf ansässige Forscher Hermann Busse der Bedeutung alter Flurnamen nach. Seine Vermutung, daß sich hinter dem Flurnamen Rosengarten ein vorgeschichtliches Siedlungsgebiet befunden haben könnte, wurde schon durch die ersten Grabungsergebnisse in erstaunlicher Weise bestätigt: Busse fand hier einen der umfangreichsten Friedhöfe der Bronzezeit. Havenstein hat sich intensiv mit den Publikationen Busses über seine Grabungsergebnisse sowie mit den Hunderten von Gefäßen des Rosengartens, die Busse in seinem Landhaus aufbewahrte, beschäftigt. Er schreibt darüber 1934: Unter der heutigen Ackerkrume des Rosengartens befindet sich eine graue Sandschicht von einer Stärke, , die zwischen 50 und 120 Zentimeter schwankt. Unter der Sandschicht liegt Kies in einer Stärke von 10 bis 20 Zentimeter und darunter Lehm. Aus der sehr ungleichen Sandschicht und aus verschiedenen anderen Beobachtungen schloß Busse, daß die Oberfläche einstmals stark hügelig war. Bemerkt sei vorweg, daß sowohl auf Woltersdorfer wie auf Kleinschönebecker Gebiet nur verhältnismäßig kleine Teile durchforscht sind, obwohl sich die Grabungen über fast vier Jahre erstreckten.
Um so überraschender ist das Gesamtresultat der im durchforschten Gebiet zutage geförderten Gefäße aller Art, von der einfachen Tasse bis zur facettengezierten Vase. Aus 96 freigelegten Gräbern wurden 568 Tongefäße geborgen, die Reste von 136 verbrannten Leichen enthielten. Die Ausbeute an Bronzebeigaben war jedoch verhältnismäßig gering. Nur 19 Ringe und mehrere Fragmente bronzezeitlicher Gegenstände waren dem Leichenbrand beigegeben.
Von den Gefäßen waren verhältnismäßig wenige vollständig erhalten, es gelang jedoch in mühseliger Arbeit, etwa 180 von ihnen zu reparieren, so daß sie der Sammlung einverleibt werden konnten, wo sie vollwertige Stücke bilden. Dreizehn festgestellte Gräber waren durch den Pflug derart zerstört, daß eine Untersuchung nicht mehr möglich war. Dafür zeigten die anderen Gräber aber Ergebnisse, wie sie auf anderen Urnenfeldern vorher wohl kaum beobachtet worden waren.
Die Lage der Gräber war ein scheinbares Durcheinander. Sie fanden sich in Gruppen, die zwei bis drei, einige auch sechs Meter voneinander entfernt waren. Die Grabanlagen selbst waren, wie vorgefundene Steine vermuten lassen, wohl ursprünglich mit einer kleineren oder auch größeren rundlichen, horizontalen Steinpflasterung überbaut. ... Die Urnen selbst waren auch auf Steinplatten gestellt und mit Schüsseln zugedeckt. Die zahlreich vorgefundenen Beigefäße waren ohne Bedeckung und standen seitlich oder um die Urnen herum. In verschiedenen Fällen waren sie auch mit der Mündung nach unten gestellt oder lagen mit ihrer Öffnung an der Urne. Auch in den Urnen selbst, und zwar auf dem Leichenbrand, wurden Beigefäße gefunden. ... Als besondere Merkwürdigkeit nennt Busse zwei Fälle, in denen sich der Leichenbrand ohne Urne in die Erde geschüttet fand. Er war hier nur mit Steinen umlegt und mit einer Schüssel zugedeckt. Die unter der Schüssel gefundene schwarze Erde läßt vermuten, daß sich die Asche in Gefäßen aus vergänglichem Material, vielleicht Holz, befunden hat.
Der Leichenbrand fand sich in allen Urnen systematisch und peinlich genau geschichtet. Obenauf in der Urne lagen die Schädelstücke, darunter die Halswirbel, seitwärts die Gelenkkugeln der beiden Arme, sodann folgten die Reste der unteren Gliedmaßen. Die wenigen gefundenen Beigaben aus Bronze lagen in allen Fällen unter den Schädelstücken. Aus den geborgenen Knochenresten konnte nach eingehender Untersuchung festgestellt werden, daß der Leichenbrand von 101 Erwachsenen, 18 jugendlichen Personen und 17 Kindern herrührte. (Nach Busse hatten die Urnen Formen von Doppelkonus, Terrinen, niedrigen einhenkeligen Töpfen, Vasen, Krügen, Pokalen oder Bechern.)
Wie die in Woltersdorf aufbewahrten Gefäße zeigen, sind sie aus grober, mit Steingrus vermischter Tonmasse hergestellt. Die kleinen zierlichen Gefäße bestehen aus feinerem, hartgebranntem Ton, dem kleingestoßener Granit beigemischt ist. Ihre Formenschönheit sowie ihr Formenreichtum sind hervorragend. Sie könnten Modelle modernster Keramik sein. ... Viele Mühe und viel Kunstsinn ist auf die äußere Verzierung der Gefäße verwendet worden. Sie bestehen aus senkrecht, waagerecht, schräg und bogenförmig mit Stäbchen eingezogenen Furchen, Riefen und Ritzen. Andere bestehen aus runden und ovalen Tupfen und geschmackvoll angeordneten Eindrücken der Fingernägel. Auch erhabene Ornamentik ist vertreten. Es finden sich kunstvoll angeordnete Buckel, Rippen, Leisten, Facetten, runde Warzen, Knöpfe, kleine Zäpfchen an Deckelrändern und bogenförmige Erhebungen auf den breiten Rändern der Schüsseln. Ein kleines Gefäß in Form einer Ente ist durchlocht; hier handelt es sich höchstwahrscheinlich um das Spielzeug eines Kindes ...
Ein Grab des Urnenfeldes hatte eine besondere Ausstattung:
Von den hier gefundenen 33 Gefäßen konnten 22 wieder hergestellt werden. Der Leichenbrand von drei Urnen dieses Grabes stammen von jugendlichen Personen. Die Beisetzung einer Urne in einer zweiten sowie vier darin gefundene Bronzeringe dürften den Schluß zulassen, daß hier eine Standesperson beigesetzt worden ist. In einer anderen Urne desselben Grabes, die mit Leichenbrand gefüllt war, wurde ein gegossener Bronzering gefunden; auch ein Bronzearmband und zwei Ringe wurden aus diesem Grabe geborgen. Auffallend war die Verschiedenartigkeit der ausnahmslos schönen Gefäße, wie sie ein zweites Mal nicht wieder angetroffen wurde. Der im Rosengarten gefundene Bronzeschmuck ist verhältnismäßig gering. Außer den bereits genannten Gegenständen fanden sich nur noch kleine Drahtstücke, der Kopf einer Nadel und kleinere Schmelzstücke. Letztere dürften daher rühren, daß der Bronzeschmuck, der sich am Körper der Toten befand, im Feuer des Scheiterhaufens schmolz. ... Ein großer teil dürfte außerdem der Oxydation zum Opfer gefallen sein, wie eine auffallende Grünfärbung an Schädelstücken lehrt, unter denen sie gelegen haben. Am nördlichen Teil des aufgeschlossenen Teils wurde in einer Tiefe von 70 Zentimetern unter der Erdoberfläche ein aus geschwärzten, übereinander liegenden Steinen bestehender Herd ausgegraben. Ein zweiter Herd befand sich in der Nähe; dieser bestand jedoch nur aus einer einfachen Steinschicht. Beide Herde waren etwa 1,5 Meter lang und einen Meter breit. Zwischen und auf en Steinen befanden sich in tiefschwarzer Erde kleine Kohlestücke und Knochensplitter. ...
Eine bemerkenswerte Begleiterscheinung, die bei den Ausgrabungen wahrgenommen wurde, waren sogenannte Steinpyramiden, die sich zwischen den einzelnen Gräbern befanden. Busse glaubt, daß die auch auf den Gräberfeldern in Rüdersdorf und Wilmersdorf vorkommenden Pyramiden einzelnen Gräbergruppen als Kennzeichen gedient haben. ... Als auffallend bezeichnet Busse auch die große Verschiedenartigkeit der Formen und Ornamente; doch ist eine überwiegend nördlich-germanische Grabkultur zu erkennen. Das Fehlen der mannigfacheren und reichhaltigeren Ornamentik der späteren Zeit läßt zu dem Schluß kommen, daß die Gräber des Rosengartens der sogenannten vierten Bronzeperiode, also der Zeit von etwa 1200 bis 1000 v. Chr. angehören. Havenstein warf nun in seiner Abhandlung die Frage auf, wo denn die im Rosengarten vormals Beigesetzten gewohnt haben mögen und verweist dazu auf die nachfolgenden Ausgrabungsergebnisse:
Beim Pflügen der Äcker wurde in der Nähe des Rosengartens, hart an der Kleinschönebecker Grenze, zahlreiche dunkle, runde Erdstellen von sechs bis acht Meter Durchmesser festgestellt, in denen sich vereinzelt kleine Kohlestücke und vom Feuer geschwärzte Steine sowie bronzezeitliche Tonscherben fanden. Südlich vom Rosengarten, gleichfalls an de Kleinschönebecker Grenze, kamen mehrfach zwei bis drei Meter lange mauerförmige Steinpackungen zutage, neben denen sich jedesmal eine Brandgrube befand. Um die Gruben herum lagen zerstreut Tonscherben; auch Tierknochen lagen dicht bei den Steinen. Auf Hohenberger Gebiet, wo fast bei jeder Ausschachtung Brandlöcher aufgedeckt werden, wurden viele Knochen und Tonscherben gefunden. Auch ein Herd wurde freigelegt, der aus dicht nebeneinander liegenden schwarzgebrannten Steinen bestand. Darauf lag eine dünne Ascheschicht ... Pfostenlöcher sind sonderbarerweise jedoch nirgends gefunden worden... Busse glaubt, ... daß sich feste Wohnhütten aus Pfählen, Flechtwerk und Fellen über den Gruben und Herden befunden haben.
Über den Verbleib der Menschen, die hier einmal gelebt haben, ist nichts bekannt. Nur die Sage vom Rosengarten ist uns überliefert worden: „Es liegt hier ein Schatz vergraben, und wenn deine Pflugschar daran stößt, wird er mit blauer Flamme brennen; bücke dich aber nicht, ihn zu heben, sondern bedecke ihn wieder mit Erde und Steinen; denn der Schatz ist nur des Nachts zu heben ...“
