Siedlungsfunde in Fichtenau

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von Wolfgang Cajar

Bei Ausschachtungsarbeiten zum Postneubau an der Kaiser-Wilhelm-Straße, Ecke Hohenzollernstraße (heute; Brandenburgische Straße Ecke Lübecker Straße) wurde 1927 eine interessante Entdeckung gemacht. Als man die oberste, aus weißem Schwemmsand bestehende, etwa einen Meter starke Schicht ausgehoben hatte, stieß man auf eine blauschwarze torfige Schicht, der sich bei weiteren Grabungen als Rest eines alten Fließlaufes herausstellte, dessen Ufer mit Bäumen bestanden waren. An der nördlichen Wand der Baugrube war zu erkennen, wie sich die Schichtstärke vom östlichen Rand zur Mitte der Straße hin verstärkte, zum östlichen Grundstücksrand hin abflachte. Die Annahme, daß das Fließ unter der heutigen Brandenburgischen Straße verlief, wurde durch die Aussage des vormaligen Bürgermeisters a.D. Carl Wittstock bekräftigt, daß beim Bau seines Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine analoge Feststellung getroffen worden war, nur daß sich dort die Stärke und Neigung der Torfschicht von Westen nach Osten, also auch wieder zur heutigen Straßenmitte hin zunahm. Ähnliche Feststellungen wurden auch beim Bau des Gladowschen Hauses (Nr. 79) südlich der neuen Post gemacht. Die aufgedeckten Fließabschnitte lassen auf eine Breite des Fließbettes von 30 bis 40 Metern schließen. Auf dem Wittstockschen Grundstück war zudem ein etwa zwei Meter langer und 30 mal 35 cm dicker, roh behauener Balken zutage gefördert, der leider zersägt und verbrannt wurde. Vielleicht war er Teil einer vormaligen Brücke über das Fließ? Als der in der Post wohnende Postmeister Herr Schröter 1932 sein Gartenland neben dem Postgebäude rigolen ließ, wurden einige interessante Funde gemacht und sogleich dem „Vorsitzenden der Gesellschaft für Heimatpflege“ Havenstein gemeldet. Der schreibt darüber: Durch die Aufmerksamkeit der Beteiligten gelang es, zunächst zwei Mahlsteine ans Tageslicht zu befördern, die jedoch für eine geschichtliche Eingliederung noch keinen Anhalt gaben. Es handelt sich um zwei Steine, von denen der eine etwa 43, der andere 45 Zentimeter Durchmesser hat. Beide Steine sind durchbohrt, und zwar trägt der untere ein kleineres Loch, in dem eine Führungsstange für den oberen Stein befestigt wurde. Das Loch des oberen Steines, der um die Führungsstange mit der Hand gedreht wurde, ist wesentlich größer, so daß man dort hinein das Getreide (Gersten, Hirse oder Binkelweizen) schütten konnte, das dann gut zerquetscht an den Rändern der Mahlsteine herausquoll und aufgefangen werden konnte. Begleitfunde fanden sich, und zwar in Form von vorgeschichtlichen Tonscherben der Lausitzer Kultur (1200 bis 1000 v. Chr.) und einer großen Anzahl von roten und braunen Lehmbrocken. Über die Funde wurde der Direktor der staatlichen Museen, Prof. Unverzagt, informiert, der die weiteren Ausgrabungen durchführen ließ, dessen Ergebnis Havenstein schildert: ... es gelang, teilweise die Grundrisse eines Hauses freizulegen. Das Haus enthielt einen Lehmestrich, der noch gut erhalten war. Andere Lehmbrocken, die noch deutlich die Abdrücke von dünnen Ästen zeigen, rühren vom Bewurf des Hauses her. Rund um die Hausstelle lag eine an manchen Stellen 30 Zentimeter starke Kulturbodenschicht, die jedoch arm an Scherben war, so daß es den Anschein hat, als sei die Niederlassung absichtlich verlassen worden. ... Ein Teil des Estrichs war von feinerem und gröberem Flußsand überschwemmt, so daß es den Anschein hat, als habe eine fortschreitende Versandung des Fließlaufes, gegen die man sich nicht helfen konnte, zur Aufgabe der Niederlassung gezwungen. ... Es handelt sich um ein Haus der Bronzezeit am Ufer des alten Fließlaufes, dessen Inneneinrichtung darauf hinweist, daß seine einstigen Bewohner Getreide bauten und die Erträge auf den Steinen zu Mehl vermahlten... Im Zuge der weiteren Besiedelung Fichtenaus wurden immer wieder vorgeschichtliche Funde gemacht, deren Ergebnisse dem Kleinschönebecker Heimatmuseum übergeben wurden. So wurde Anfang der dreißiger Jahre in der damaligen Kurfürstenstraße, der heutigen Stauffenbergstraße eine germanische Wohnstätte aus der späten Kaiserzeit, also aus dem 3. Bis 4. Jahrhundert n. Chr. ausgegraben. Schon damals ist festgestellt worden, daß es sich um eine größere Ansiedlung gehandelt haben muß, die südlich bis an die heutige Karl-Marx-Straße (damals Gutenbergstraße) und nördlich über das Gladowsche Grundstück hinweg bis zur neuen Post reichte. Havenstein schreibt: Beim Bau des evangelischen Gemeindehauses zeigten sich dann weitere Spuren und jetzt konnte nun einwandfrei ermittelt werden, daß sich diese Wohnstätte auch weiter nördlich an dem schon vor Jahrhunderten überwehten Fließlauf entlang zieht. Sowohl auf dem der Kirchengemeinde gehörenden Gelände am Waldrand wie auch auf dem Baugelände an der Adolf-Hitler-Straße haben Kinder beim Buddeln eine vorgeschichtliche Kulturschicht angeschnitten, in der sich als sicherer Beweis Gefäßreste und auch zerbröckelnde Herdsteine sowie erhärtete Lehmstücke (Hausbewurf) finden. Bei Neuanlage des Sportplatzes 1932 südlich der Friedhofanlage an der Friedensaue wurde eine interessante Feststellung gemacht. Zunächst wurden einige Brandstellen und Klumpen gebrannten Lehms entdeckt. Dann fand man in ihrer Nähe eine große Zahl frühdeutscher Scherben aus dem 11. Jahrhundert. Möglicherweise hat sich an dieser Stelle eine Baulichkeit befunden (etwa die Hütte eines Viehhirten), die im Zusammenhang mit der bäuerlichen Nutzung der umliegenden Flächen stand. Ebenso waren im Wald bei Grätzwalde auch 1932 die Reste einer Köhlerhütte auch aus dem 11. Jahrhundert gefunden worden. Dies deutet auf die Art und Ausdehnung der Flächennutzung um die alten Siedlungsplätze herum hin.


Quellen von Wolfgang Cajar

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