Physikalische Medizin bei Gelenkerkrankungen

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Physikalische Medizin bei Gelenkerkrankungen

P. Donhauser, München

Bei drei Viertel aller über 80-Jährigen sind die großen Gelenke arthrotisch verändert, verursachen aber nicht zwangsläufig Beschwerden. Einen Arzt suchen Betroffene in der Regel erst bei stärkeren Schmerzen auf. Dann ist die Gelenkfunktion meist bereits so stark eingeschränkt, daß die Funktionseinbuße nicht mehr durch Adaptation kompensiert werden kann. Bereits vorher ist aber oft die Beweglichkeit vermindert, Muskel- und Bandapparat sind geschwächt, die Köperhaltung ist verändert und damit die Körperkompetenz insgesamt verringert.

Diagnostik und Therapiestrategien interdisziplinär abklären

Beim gelenkkranken geriatrischen Patienten sollte der Arzt bei der ausführlichen körperlichen Untersuchung möglichst mit einem Physiotherapeuten kooperieren, da so frühzeitiger Therapieansätze erkannt werden können (gemeinsames Assesment). Im Vordergrund für den Therapieansatz steht immer die Beschwerdesymptomatik des Patienten und nicht der objektivierbare Befund. Oftmals ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Spezialisten notwendig, um zu klären, inwieweit bei multimorbiden Patienten, z.B. bei gleichzeitigem Vorliegen einer Demenz oder Inkontinenz, physikalische Therapiemöglichkeiten ineinander greifen sollen, damit sie noch verwirklicht werden können.

Im Rahmen der physikalischen Diagnostik ist zu berücksichtigen, daß das Schmerzgeschehen komplex ist und die geschilderten Beschwerden unterschiedliche Ursachen haben können. Schmerzen können einmal direkt von dem arthrotisch veränderten Gelenk herrühren, die Beschwerden aber auch in benachbarte Regionen ausstrahlen. Zusätzlich können sich sekundär schmerzhafte Funktionsstörungen und Dysfunktionen einstellen. So bei einer Coxarthrose, wenn aufgrund der übermäßigen Belastung der nicht erkrankten Seite ein Beckenschiefstand resultiert, der wiederum Veränderungen im Kreuz-Darmbein-Gelenk und schließlich z.B. Ischiasbeschwerden auslösen kann.

Therapieplan mit Hauptproblemen mit Betroffenem definieren

Vor Beginn jeder physikalischen Therapie müssen die Hauptansatzpunkte und eine Stufenfolge definiert werden. Bei aktivierter Arthrose ist im Rahmen eines multimodalen Behandlungskonzeptes zunächst eine antiphlogistische Medikation erforderlich, die die Schmerzen lindert und die physikalische Therapie so erst ermöglicht. Chronische Schmerzpatienten bedürfen meist einer funktionellen Reedukation, da sie im Verlauf der Chronifizierung ein alternatives, schmerzvermeidendes Bewegungsmuster internalisiert haben. Sie müssen ein völliges neues Bewegungsbewußtsein erlernen, das zunächst passiv, später aktiv vermittelt wird. Bei Patienten mit Sturzangst müssen Gleichgewicht und Gefühl für den Körpermittelpunkt (Koordination) wieder erarbeitet werden. Alle Ziele sollten in kleinen Schritten verwirklicht werden, um den Patienten durch Erfolgserlebnisse zu motivieren. An erster Stelle steht immer das Trainieren von Alltagsfertigkeiten, um die häusliche Kompetenz zu erhalten oder wiederherzustellen. Erst dann schließen sich Techniken an, die die Gelenkfunktion gezielt verbessern. Grundsätzlich haben alle physikalischen Therapieangebote letztlich das Ziel, die Selbständigkeit des Patienten zu bewahren bzw. zu steigern.

Passive und aktive Maßnahmen kombinieren

Die Thermotherapie als Beispiel für die Möglichkeit passiver Physiotherapie ist auf den jeweiligen Zustand des Patienten abzustimmen. Bei Akutpatienten mit entzündlichen Veränderungen, die ohnehin zunächst nur passiv behandelt werden dürfen, können mit lokaler oder Ganzkörper-Kältetherapie Schmerzlinderung, antiphlogistische Wirkung und eine Senkung des Muskeltonus erreicht werden. Umgekehrt wirkt bei einem Patienten mit chronischen degenerativen Gelenkbeschwerden eine Wärmebehandlung schmerzdämpfend und diffusionssteigernd. Die Dehnbarkeit von ligamentären Strukturen wird verbessert, der Tonus der Skelettmuskulatur gesenkt.

Aktive Physiotherapie ist Basis jeder Gelenksbehandlung

Wichtigste Komponente der physikalischen Therapie ist die aktive Behandlung, in erster Linie die Krankengymnastik, aber auch die Ergotherapie. Die Bewegungstherapie beinhaltet passives und vor allem aktives Üben, das Erlernen komplexer Techniken, aber auch einfacher Übungen für das Training zu Hause. Ansatzpunkt ist das Erarbeiten von Bewegungen unter Einbeziehung des passiven Bewegungsspiels unter Integration des Patienten bis zum einsetzenden Schmerz. Die manuelle Mobilisation umfaßt neben der manuellen Therapie z.B. nach dem Maitland-Konzept auch Entlastungs- und Entspannungsübungen im Schlingentisch oder die Kombination mit Atemtechniken zur muskulären Entspannung.

Bedeutung/Wichtigkeit der Ergotherapie

Ziel der Ergotherapie ist der Erhalt von Lebensqualität und Selbständigkeit durch das Erlernen von Strategien zur Krankheitsbewältigung. Durch Kompensationstraining sollen Schonhaltungen verhindert und falsche Bewgungsmuster vermieden werden. Das Funktionstraining soll helfen, die Belastungsgrenze zu erkennen, Fehlstellungen zu vermeiden oder zumindest hinauszuzögern und Gelenk- und Muskelfunktion zu erhalten. Der Ergotherapeut berät außerdem über Hilfsmittel (z.B. Griffvergrößerungen) und über Möglichkeiten, die häusliche Umgebung an die Bedürfnisse des Patienten so anzupassen, daß alltägliche Tätigkeiten weiterhin möglich sind.

Ziel der Physikalischen Therapie: von der Einzelbehandlung zur Gruppe

Prinzipiell sollte die andauernde physikalische Therapie nicht individuell, sondern kostensparend in Gruppen durchgeführt werden. Gruppenarbeit führt den älteren Patienten aus seiner Vereinsamung heraus und motiviert den einzelnen stärker. Zudem werden Ängste, z.B. vor Stürzen, in der Gruppe sehr viel leichter überwunden. Gleichzeitig unterstützt die Gruppentherapie den Prozeß der Krankheitsbewältigung und die Resozialisierung/tion. Erst der multimodale Ansatz der Therapie von Gelenkserkrankungen führt letztlich zur Verbesserung der Lebensqualität und der Gelenksfunktion beim geriatrischen Patienten.

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