Kommentar: Prionenerkrankungen

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Kommentar: Prionenerkrankungen

S. Poser, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Georg-August-Universität, Göttingen


Bis zum Auftreten der neuen Variante der Creutzfeldt-Jacobschen Krankheit (NVCJD) war unter Wissenschaftlern ein Zusammenhang zwischen der Rinderseuche BSE und der schon jahrzehntelang bekannten Creutzfeldt-Jacob-Krankheit für sehr unwahrscheinlich gehalten worden. Nachdem Creutzfeld 1920 und Jacob 1921 die ersten Fälle beschrieben hatten, wurden Einzelfälle publiziert, und bald wurde auch eine erbliche Variante, das Gerstmann-Sträußler-Scheinker-Syndrom, bekannt. Die Ähnlichkeit der neuropathologischen Veränderungen zu Scrapie, der schon seit 250 Jahren bekannten Traberkrankheit der Schafe, ließ den Verdacht auf ein gemeinsames infektiöses Agens aufkommen, der sich dann auch in Tierversuchen bestätigte. Das Gehirn der erkrankten Tiere und Menschen erzeugte bei Inokulation ins Gehirn von Versuchstieren die charakteristischen Veränderungen: spongiöse Auflockerungen des Gewebes, Absterben der Nervenzellen und Gliawucherungen. Eine Übertragung durch Genuß von Lammfleisch ist nie beobachtet worden. CJD kam in Scrapie-freien Ländern etwa gleich häufig vor wie in Ländern mit hohem Scrapievorkommen, nämlich mit einer Häufigkeit von 1 Erkrankungsfall auf 1 Million Einwohner pro Jahr. Nach dem Auftreten von BSE bei britischen Rindern wurde bald der Zusammenhang mit Scrapie vermutet und führte schließlich zum Verbot der Fütterung der verdächtigen Kraftnahrung an Wiederkäuer. Daß dieses Verbot nicht strikt eingehalten wurde, weiß man inzwischen, und so erklärt sich, warum immer noch neue Rinder erkranken. Die Beobachtungen an Herden haben nun gezeigt, daß entgegen früheren Behauptungen auch die vertikale Übertragung von der Kuh auf das Kalb stattfinden kann .

Im März 1996 wurden nun erstmalig 10 Patienten beschrieben, die in das bisherige Bild der typischen CJD nicht hineinpaßten: Sie waren jünger, überlebten länger und fielen durch eigentümliche Verhaltensweisen im Vorfeld der Erkrankung auf. Vor allem aber hatten sie ungewöhnliche neuropathologsche Veränderungen ("gänseblümchenartige Plaques").

Inzwischen sind noch weitere Fälle aufgetreten, bisher allerdings nur in Großbritannien und Frankreich. Tierversuche, die den Zusammenhang klären sollen, sind im Gang: Mäuse zeigen unterschiedliche pathologische Veränderungen, wenn sie mit BSE- oder CJD-Gehirn inokuliert werden. Bis zur Auswertung dieser Befunde ist man auf indirekte Hinweise angewiesen. Die Nachricht, daß Makaken, denen mit BSE infiziertes Gehirn intrazerebral gespritzt wurde, ein der neuen Variante ähnliches Muster ihrer neuropathologischen Veränderungen zeigen, ist ein solcher Hinweis. Die Erkrankung eines Rhesusaffen nach Tiermehlverfütterung und die Erkrankung eines vierten Farmers in Großbritannien könnten ebenfalls in diese Richtung weisen , .

Weiterhin ergab sich mit molekularbiologischen Techniken die nahe Verwandtschaft des BSE-Erregers mit dem Prionenstamm, der aus dem Gehirn von NVCJD isoliert wurde . Dieser Stamm unterschied sich in seinen physiko-chemischen Eigenschaften von den bisher bei CJD beobachteten Typen.

Bisher ist das infektiöse Agens im Muskelfleisch von Rindern nicht nachgewiesen worden. Allerdings ist diese Untersuchung nur in Großbritannien und - nach Meinung vieler Experten - nicht ausreichend sorgfältig erfolgt. Dennoch ist eine Übertragung durch jetzt auf dem Markt befindliches Rindfleisch unwahrscheinlich. Die aufgetretenen Fälle der neuen Variante sind, wenn man sie als BSE-bedingt ansieht, mit einer Latenz von 8 - 10 Jahren aufgetreten und stammen aus der Zeit, in der die Vorschriften zur Beseitigung der möglicherweise infektiösen Gewebe, der sogenannten offals, noch nicht bestanden.

Möglicherweise kam es in den Jahren zwischen 1986 und 1988 durch Beimischung von infiziertem Gehirn, Rückenmark oder Innereien zu Würstchen und Fleischpies etc. zu den jetzt beobachteten Fällen. Da der Export von britischem Fleisch nach Deutschland immer nur einen geringen Umfang hatte und in Deutschland bisher nur vier importierte Rinder erkrankt sind, ist die Wahrscheinlichkeit, daß in Deutschland die neue Variante beobachtet wird, eher gering.

Die in Göttingen durchgeführte Fall-Kontroll-Studie, bei der möglichst alle CJD-Patienten in Deutschland erfaßt werden, ist eingebunden in die europäische "Surveillance on Creutzfeldt-Jacob disease". In den Ländern Großbritannien, Frankreich, Italien, Niederlande und Deutschland wird nach einheitlicher Methodik vorgegangen, und die Inzidenzen werden berechnet. Die für das Jahr 1994 und 1995 ermittelten Zahlen in Deutschland (Inzidenz 0,76 bzw. 0,90 pro 1 Million Einwohner pro Jahr) liegen in derselben Größenordnung wie in den anderen Ländern. Seit der Beschreibung der neuen Variante wird auch besonders nach dem Auftreten ungewöhnlicher Fälle gefahndet, wobei möglicherweise der jetzt zur Verfügung stehende diagnostische Test im Liquor behilflich sein könnte , . Dieser Test ist zwar nicht spezifisch, leistet jedoch in der Abgrenzung der in Frage kommenden differentialdiagnostischen Krankheiten, beispielsweise des Morbus Alzheimer, gute Dienste.

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Korrespondenzadresse: Prof. Dr. med. S. Poser Klinik und Poliklinik für Neurologie Georg-August-Universität Göttingen

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