Kommentar: Die Rolle des Leptins bei der Gewichtsregualtion

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Kommentar: Die Rolle des Leptins bei der Gewichtsregulation

J. Wechsler, Innere Abteilung, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, München


1994 wurde erstmals das ob-Gen mit seinem Protein, dem Leptin, identifiziert. Leptin, genannt nach dem griechischen Begriff "leptos" (schlank), wird im Fettgewebe gebildet, und man nimmt an, daß es als afferentes Sättigungssignal die Appetit- und Sättigungszentren des Gehirns beeinflußt. Nach heutigem Kenntnisstand reguliert Leptin die Körperfettmasse.

In tierexperimentellen Untersuchungen fand man bei ob/ob-Mäusen ein verändertes ob-Gen mit fehlender Leptinproduktion. Diese Mäuse sind hyperphag und adipös. Gibt man ob/ob-Mäusen Leptin, so nehmen diese übergewichtigen Mäuse durch reduzierte Nahrungszufuhr an Gewicht ab.

Bei adipösen Menschen führte eine Leptinsubstitution hingegen nicht zu Gewichtsreduktion oder Nahrungseinschränkung.

Considine und Mitarbeiter fanden bei Adipösen erhöhte Serum-Leptin-Konzentrationen, die während der Gewichtsreduktion signifikant abfielen. Die Serum-Leptin-Konzentrationen waren bis zu viermal höher bei Adipösen im Vergleich zu Normalgewichtigen. Bei Gewichtskonstanz und isokalorischer Nahrungszufuhr stiegen im adipösen Kollektiv sowohl die Serum-Leptin-Spiegel als auch die ob-mRNA-Bildung wieder an. Die Autoren folgern daraus, daß die meisten adipösen Personen eine eingeschränkte Sensitivität für die endogene Leptin-Produktion aufweisen.

Kritisch anzumerken und zu bedenken ist, daß Adipöse mit einem Body-Mass-Index von 40 kg/m2 mit einer Gewichtsreduktion von 10% weiterhin stark übergewichtig sind und bei Beibehaltung des Körpergewichts immer noch eine hyperkalorische Ernährung aufweisen. Wünschenswert wäre eine Fortführung dieser Studie mit Bestimmung des Leptins bis zum Normalgewicht bei einer Ernährung, die isokalorisch dem Normalgewicht entspricht. Man kann aufgrund der Studie von Considine bei Adipösen eine verminderte Sensitivität für Leptin vermuten, jedoch sind die exakten Mechanismen der Leptin-Wirkung nicht bekannt.

Im Hunger-Zustand nimmt bei Tieren die Leptin-Produktion ab, bei Insulin- und Glucocorticoid-Substitution steigt sie an, so daß man Leptin als Sättigungsfaktor bezeichnen könnte. Möglicherweise ist die Verbindung zwischen Leptin und der Nahrungszufuhr in der Konzentration von Neuropeptid Y im Hypothalamus zu suchen. Die hypothalamischen Konzentrationen von Neuropeptid Y sind bei den meisten adipösen Tiermodellen erhöht, und die intraventrikuläre Infusion von Neuropeptid Y führt bei normalen Ratten zu Adipositas. Neuropeptid Y führt zu einer gesteigerten Sekretion von Insulin und Glucocorticoiden, die wiederum zu einer vermehrten Fettzellbildung, Adipositas und Insulinresistenz führt. Die intrazerebrale Infusion von Neuropeptid Y hat auch einen Anstieg der Leptin-mRNA-Spiegel im Fettgewebe zur Folge. ob-ob-Mäuse haben keine Leptin-Produktion, jedoch hohe Neuropeptid Y-Konzentrationen und mRNA-Spiegel. Leptin-Substitution führt bei Mäusen zur Nahrungseinschränkung und zu Gewichtsreduktion. Gleichermaßen kommt es zu einem Abfall der hypothalamischen Neuropeptid Y-Konzentration.

Bei adipösen Menschen scheint der wesentliche Mechanismus für die Adipositas eine Insensitivität für Leptin im Hypothalamus zu sein. Die genauen Ursachen hierfür sind bis heute nicht bekannt. Möglicherweise liegen Störungen des Leptin-Rezeptors oder der Leptin-Signaltransduktion vor. Die Entdeckung des Leptins hat wesentliche Einblicke in die Regulation zwischen Nahrungszufuhr, Sättigung und Fettgewebsbildung ermöglicht.

Die Hoffnungen, durch Leptin-Substitution bei Adipösen die Adipositas kausal behandeln zu können, wurden bisher nicht erfüllt. Das Körpergewicht wird durch einen komplexen Mechanismus mit zahlreichen metabolischen und hormonellen Regulationskreisen reguliert, die zum Verständnis der Adipositas noch weiterer Aufklärung bedürfen.


Considine R et al. N Engl J Med 1996; 334 292 Jeanrenaud B et al. N Engl J Med 1996; 334 292


Korrespondenzadresse: Prof. Dr. med. J. G. Wechsler Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Romanstraße 93 80639 München

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