Ethische Reflexionen zum geklonten Schaf

Aus awiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ethische Reflexionen zum geklonten Schaf

H.-B. Wuermeling, Erlangen

Mit dem gelungenen zeitversetzten Klonen eines Schafes ist noch lange nicht die technische Möglichkeit gegeben, auch einem ausgewachsenen Menschen einen späten Zwilling nachzuschaffen, doch rückt das, was man bisher für ausgeschlossen gehalten hatte, immerhin etwas näher an den Bereich des Machbaren heran. Dies gibt Anlaß dazu, die Frage erneut aufzuwerfen, ob so etwas überhaupt juristisch statthaft und sittlich vertretbar ist. Dabei wird erkennbar, daß einzelne Begriffe, mit denen wir bisher gearbeitet haben, angesichts der neuen Möglichkeiten daraufhin zu überprüfen sind, ob sie für die rechtliche und ethische Verwendung noch taugen.

Zunächst scheint die juristische Frage sehr einfach zu beantworten zu sein. Jedenfalls soll in Deutschland das Embryonenschutzgesetz das Klonen von Menschen verbieten. Doch werden Zweifel geäußert, ob denn die von Wilmut et al. angewandte Technik tatsächlich unter die Tatbestandsbeschreibung des § 6 Abs. 1 ESchG (Klonierungsverbot) fällt, weil die Zellkernübertragung die mitochondriale DNS nicht mit umfaßt. Als Auffangtatbestand böte sich die gleichfalls verbotene künstliche Veränderung menschlicher Keimbahnzellen (§ 5 u. 8 Abs.3 ESchG) an, was aber ebenfalls definitorischen Einwänden begegnet. Schließlich könnte man auf die verbotene Verwendung totipotenter Zellen (§ 8 Abs. 1 ESchG) zurückgreifen, doch erscheint Totipotenz nach den schottischen Versuchen nun in einem neuen Licht (zur juristischen Diskussion vgl. v. Bülow).

Es besteht kein Zweifel daran, daß es der Sinn (die ratio legis) des Embryonenschutzgesetzes ist, solche Manipulationen, wie sie in Schottland an einem Schaf vorgenommen wurden, am Menschen zu verbieten. Die Zweifel beziehen sich ausschließlich darauf, ob die Formulierungen, die das Gesetz enthält, unter Berücksichtigung der neuen Techniken noch ausreichend sind, dieses Verbot klar genug zu beschreiben. Der Rechtssprechung sind bei der Heranziehung der ratio legis enge Grenzen gezogen; dagegen kann der Gesetzgeber seine Formulierungen nachbessern. In jedem Falle aber wird es notwendig sein, Überlegungen über den Sinn des Klonierungsverbotes anzustellen.

Schnell ist man mit der Behauptung dabei, das Klonen von Menschen widerspreche der Menschenwürde. Doch bedarf eine solche Aussage einer näheren Präzisierung. Häufig wird der Anspruch des Menschen auf seine unverwechselbare Individualität zur Erklärung herangezogen. Unverwechselbare genetische Individualität ist aber natürlicherweise bereits da nicht gegeben, wo sich dem Menschen ein eineiiger Zwilling beigesellt. Das Entscheidende dürfte deswegen nicht die einfache Tatsache genetischer Übereinstimmung mit einem anderen Menschen sein, sondern erst die künstliche Herstellung solcher Übereinstimmung. Warum aber, so wird man fragen, soll dem Menschen nicht herzustellen erlaubt sein, was die Natur doch auch herstellt? Der entscheidende Unterschied zwischen dem zweckfreien Spiel der Natur bei der Herstellung eineiiger Zwillinge und der künstlichen Nachahmung dieses Vorganges durch den Menschen ist, daß das menschliche Handeln Absichten und Zwecke verfolgt. So wie Schafe geklont werden, um wertvolle Exemplare (etwa als Produzenten sonst nur teuer oder überhaupt nicht herstellbarer Stoffe) zu vermehren, würde künstliches Klonen von Menschen ebenfalls zweckbestimmt sein. Damit aber würde der zu klonende Mensch von vorneherein zu bestimmten Zwecken erschaffen. Er wäre ein Sklave seiner Hersteller, ganz gleich, welche Zwecke diese mit ihm verfolgten. Er wäre von vorneherein seiner Ursprünglichkeit und seiner Freiheit beraubt, und das Wagnis seines Lebens wäre von seinen Herstellern usurpiert. H. Jonas hat dazu bereits 1982 richtunggebend Stellung genommen.

Zwar mag es verständlich erscheinen, wenn eine Mutter sich das Kind, das sie durch Unfall oder Krankheit verloren hat, genetisch identisch nachschaffen möchte. Doch wird sich dieses Kind immer mit dem Maßstab seines "vorzeitigen" Zwillings messen lassen müssen und durch solche Vorbestimmung in seiner Freiheit eingeschränkt sein.

In solchen Zusammenhängen ist also der Verstoß gegen die Menschenwürde zu suchen, der im künstlichen Herstellen genetisch identischer Menschen liegt. Spinnt man diesen Gedanken weiter, dann wird man erkennen, daß nicht nur die genetisch identische Herstellung von Menschen gegen die Menschenwürde verstößt, sondern jede genetische Manipulation bei der Zeugung eines Menschen, weil sie den Menschen den Zwecken seiner Erzeuger unterwirft, wie gut diese auch gemeint sein mögen. Extrem formuliert könnte man sogar sagen, daß das sprichwörtliche Roulette der Chromosomen eine der Voraussetzungen menschlicher Freiheit darstellt, indem der Mensch durch die Unterwerfung unter den Zufall insoweit der Unterwerfung durch seine Erzeuger entzogen bleibt. So könnten Überlegungen aussehen, die ratio legis zu beschreiben. Die juristische Formulierung wäre dann die Aufgabe, den jeweils gegebenen technischen Möglichkeiten auf der Spur zu bleiben.

Die nähergerückte Möglichkeit des Klonens von Menschen im Sinne der schottischen Experimente gibt aber auch Anlaß, jenen Begriffen und Definitionen erneut Aufmerksamkeit zu schenken, deren wir uns bisher bei der Bestimmung des Beginns des Lebens des Menschen bedient haben (Mißverständlich ist immer vom Beginn des menschlichen Lebens die Rede, während der Beginn des Menschen gemeint ist!). Aus naturwissenschaftlicher Sicht kann immer nur ein Korrelat zu dem angeboten werden, was wertend als Beginn der Person verstanden werden soll. Da diese weder als Eizelle anzunehmen ist noch als Samenzelle, liegt es nahe, ihren frühesten Beginn mit der Vereinigung der Keimzellen anzusetzen. Doch ist diese sichtbar erst mit der Verschmelzung der Vorkerne abgeschlossen, und dem würde das erste materielle Vorhandensein der den jeweiligen Menschen programmierenden DNS entsprechen. Ganz sicher kann zeitlich davor noch nicht von einer Person die Rede sein, weil es an einem materiellen Korrelat dafür fehlt. Auf jeden Fall ist die DNS notwendige Bedingung für die Annahme einer Person. Vielfach ist nun diese Bedingung auch bereits als hinreichende angesehen worden, was zu der vereinfachenden Redeweise führte, daß der Mensch mit der materiellen Existenz seiner DNS beginne. Dabei wurde natürlich die Möglichkeit der Bildung eineiiger Zwillinge unberücksichtigt gelassen.

Angesichts der (jetzt wenigstens theoretischen) Möglichkeit der zeitversetzten Erschaffung eines Zwillings wird nun noch deutlicher, daß das Vorhandensein der den Menschen bestimmenden DNS allein nicht genügen kann, den Beginn der Person zu kennzeichnen.

Darum gab es bereits früher Überlegungen, welches weitere Kriterium dafür herangezogen werden könnte. Von geisteswissenschaftlicher Seite sind dazu jene Gedanken benutzt worden, die sich bereits im 6. Jh. n. Chr. der römische Philosoph Boethius über die Definition des Begriffes "Person" gemacht hatte. Ausgehend von einem auf Gott bezogenen Personbegriff nannte er auch die menschliche Person "substantia" (was mit ,Substanz' allzu materialistisch und deshalb besser mit ,Zugrundeliegendes' zu übersetzen wäre), die mit Vernunft (ratio) begabt und unteilbar (individualis) sei. Daraus zogen manche Philosophen und Moraltheologen den Schluß, Individualität im Sinne von Unteilbarkeit sei jenes weitere und dann hinreichende Kriterium, das den Beginn der menschlichen Person kennzeichne. Von den Embryologen erfuhren sie dann, dass die sogenannte "orthische Teilbarkeit" des Menschenkeimes, also die Möglichkeit natürlicher Bildung eineiiger Zwillinge, etwa mit dem Ende der Einnistung in die Uterusschleimhaut verlorengeht. So lag es für sie nahe, den Beginn der Individualität - und damit den der menschlichen Person - zu diesem Zeitpunkt anzunehmen.

Doch findet die Individualität der Philosophen, die dem griechischen Atombegriff entspricht, in der biologischen Teilbarkeit der Naturwissenschaftler nicht ihren Gegensatz. Der philosophische Begriff meint eine analytische Zertrennung, wie sie Demokrit seinerzeit in seinem Gedankenexperiment mit Blei vorgenommen hat, das plötzlich nicht mehr weiter zerlegt werden konnte, weil er bei der letzten denkbaren Einheit, dem Atom, angekommen war. Der naturwissenschaftliche Begriff des Teilens stammt dagegen aus der Beschreibung von synthetischen Lebensvorgängen im Sinne der Vermehrung durch Sprossung. Das Mißverständnis entsteht durch die metaphorische Vermischung der beiden Begriffssysteme.

Somit werden mit der näherrückenden Möglichkeit zeitversetzten Klonens von Menschen die beiden genannten verschiedenen Ansätze zur Angabe naturwissenschaftlich faßbarer Korrelate für den Beginn des Menschen fragwürdig.

In einer solchen Situation mag man leicht daran denken, die Frage, ob ein "Etwas" bereits als ein "Jemand" zu bezeichnen ist, einfach dem jeweils Handelnden frei zur Beantwortung zu überlassen. Und in der Tat gibt es Forscher, die aus voller Überzeugung erklären, daß sie selbst zu entscheiden hätten, ob sie es bereits mit einem Menschen zu tun hätten oder nicht. Es sei an ihnen, das zu bestimmen, und die Wirklichkeit entstehe eben aus solcher Bestimmung. Eine solche positivistische Haltung würde sich aber nicht auf die Anwendung im embryonalen Bereich beschränken lassen, vielmehr würde sie dazu tendieren, auch in anderen Zusammenhängen die Frage der Menschqualität willkürlichen Festlegungen zu überlassen, was mit Sicherheit nach den Erfahrungen dieses Jahrhunderts nicht mit dem vereinbar ist, was wir unter Menschenwürde verstanden wissen wollen.

Insofern reißt das schottische Experiment die Frage nach dem naturwissenschaftlich faßbaren Korrelat für den Beginn des Menschen in geradezu abgründiger Weise neu auf. Es wird der größten Mühe bedürfen, sie so zu beantworten, dass dem Menschen kein Schaden zugefügt wird.


Korrespondenzadresse: Prof. Dr. med. H.-B. Wuermeling Fichtestr. 5 91054 Erlangen

Meine Werkzeuge
Namensräume

Varianten
Aktionen
Navigation
Werkzeuge
Google AdSense