Die bronzezeitliche Wohnstätte am Weidensee
Aus Awiki aus Schoeneiche
von Wolfgang Cajar
Noch in den letzten Jahren konnte es passieren, daß beim Pflügen auf dem Hang nördlich des Weidensees nach Münchehofe zu Keramikscherben zutage traten, die offensichtlich schon sehr alt waren. Die gleiche Feststellung erregte in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts besondere Aufmerksamkeit, zumal die damals gefundenen Gefäßreste der Bronzezeit zugeordnet werden konnten, also der Zeit vor etwa 3000 Jahren. 1935 begannen die Voruntersuchungen des Geländes, 1936 die eigentlichen Grabungen. Es wurde bald der Grundriß eines trapezförmigen Hauses von 9 Metern Breite und 18 Metern Länge freigelegt, in dem ein früherer Lehmherd lokalisiert und in seiner Nähe eine vasenförmige Lampe mit einem Hohlzylinder (zur Verstärkung der Luftzufuhr und damit zu höherer Leuchtkraft) gefunden. 1937 konnten die Grabungen verstärkt fortgeführt werden. Felix Havenstein beschreibt das Vorhaben: „Da auf dem umgepflügten Acker einer nach dem Nordwesten zu ansteigenden Bodenwelle zahlreiche Scherbenfunde gemacht werden konnten und sich unmittelbar unter dem Kamm dieser Bodenwelle auch eine auffallend dunkle Verfärbung des Bodens zeigte, wurde zunächst eine etwa 400 Quadratmeter große Fläche abgesteckt und ein Festpunkt ermittelt, der 1705 Millimeter über dem Niveau des nach Münchehofe führenden Feldweges lag. Um sicher zu gehen, wurde außerdem an der Westgrenze der abgesteckten Fläche, also nach Münchehofe zu, ein 6 Meter breiter und 20 Meter langer Streifen freigelegt. Diese Maßnahme sollte sich später als sehr vorteilhaft erweisen. Nachdem die etwa 30 bis 40 Zentimeter dicke Humusschicht von der nunmehr 520 Quadratmeter großen Fläche herunter gehoben worden war, stellte es sich heraus, daß die gehegten Vermutungen, hier einen weiteren Hausgrundriß zu finden, sich nicht nur bestätigten, sondern alle Erwartungen weit übertroffen werden sollten. Die große Anzahl von freigelegten Pfostenlöchern schien zunächst kein klares Bild ergeben zu wollen, bis sich herausstellte, daß die verschiedenartigen Verfärbungen zwei voneinander getrennte Pfostengruppen erkennen ließen, und zwar die eine Pfostengruppe von hellbrauner und die andere Pfostengruppe von dunkelbrauner bis schwarzer Färbung. Auch hinsichtlich der Tiefe der Pfosten war ein klarer Unterschied erkennbar. Die schwarzen Pfosten reichten durchschnittlich 10 bis 20 Zentimeter tiefer in den Boden als die hellbraunen. Es war also klar, daß beide Pfostengruppen verschiedenartigen Bauperioden angehörten, und zwar dürften die hellbraunen einer älteren und die dunkelbraunen einer jüngeren Periode angehören. Dies fand auch seine Bestätigung darin, daß letztere in einem engen Zusammenhang mit der großen, grauschwarz verfärbten Hausgrube gebracht werden konnten, die sich über einen Flächenraum von etwa 80 Quadratmeter erstreckte.“ Den ersten Grabungsergebnissen schloß sich dann eine erweiterte Untersuchung der Umgebung der Grabungsstelle an. Diese wurde nach Süden und Nordosten auf insgesamt 1600 Quadratmeter erweitert. Dies führte zu der Erkenntnis, daß zur Gewinnung eines Gesamtüberblicks über die alte Wohnanlage das Grabungsfeld auf das drei- bis vierfache hätte erweitert werden müssen, was aber auf Grund der damit verbundenen Kosten auf künftige Zeiten vertagt werden mußte. Diese erweiterte systematische Untersuchung konnte bis heute noch nicht durchgeführt werden ... Über die Ergebnisse der Grabung berichtet Havenstein weiter: „Interessant war hier zunächst ein leicht zerstörter Steinherd, der im schwach bräunlichen Sande lag und durch einen nach dem Süden zu reichenden hellgelben Sandfleck begrenzt war, wie ein solcher auch neben dem Herd der ersten Grabung festgestellt werden konnte. ... Wir dürfen annehmen, daß sich einst unmittelbar am Herde ein hölzerner Tisch befand. “ „Eine weitere interessante Feststellung konnte in der südöstlichen Ecke der Grabungsstelle gemacht werden. Hier lag etwa 18 Meter vom Eckpfosten des Hauses entfernt eine quadratische Steinpackung (45 Zentimeter Seitenlänge),die, wie die umliegenden Pfosten aufwiesen, von einer rechteckigen Wandung umgeben war, und zwar betrug die lange Seite des Häuschens 4 Meter, die Schmalseite etwa 3 Meter. Die blockartige, etwa 40 Zentimeter in der Kulturschicht herabreichende Steinpackung war so angeordnet, daß die Ecken auf die Wandflächen zeigten. Den Eingang in dem verhältnismäßig kleinen Raum bildete eine mit zahlreichen Gefäßresten und Lehmbrocken durchsetzte, etwa 80 cm dicke Schwelle, Merkwürdig war die Tatsache, daß die Pfosten für diesen kleinen Raum äußerst stark waren und ebenso merkwürdig war es weiter, daß die Diagonale des quadratischen Feldsteinblocks nur um etwa 3 Grad von der Nordsüdrichtung abweicht. ... Es ist gut möglich, daß der Raum kultischen wie recht profanen Zwecken gedient hatte.“ „Nach den bisherigen Feststellungen handelt es sich bei dem Wohnhaus um ein Gebäude von beachtenswerter Größe und einer besonders bevorzugten Lage an dem nach dem Weidensee abfallenden Hang der Bodenwelle, die sich halbkreisförmig im Nordwesten um den Weidensee in einer Entfernung von schätzungsweise 200 Meter herumzieht und sich in der Höhe der Grabungsstelle, nach dem Weidensee zu, nasenförmig ausbuchtet. Daß zu dem Hause neben dem mit der quadratischen Steinpackung ausgestatteten kleinen Bauwerk ... noch weitere Einzelbauten gehörten, dafür sprechen die zahlreichen Pfosten, die in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Hausgrube stehen, bei dem gegenwärtigen Stande der Arbeiten aber auch noch zu keinem organischen Gebilde gefügt werden konnten ...“ Leider konnten die Grabungsarbeiten in der Folgezeit nicht fortgesetzt werden. Kriegsvorbereitung, Krieg und Nachkriegszeit verhinderten dies. Und auch heute ist so eine Grabung von wahrscheinlich nur lokaler, heimatgeschichtlicher Bedeutung nicht zu finanzieren. Trotzdem, oder gerade deswegen muß auf die zahlreichen gemachten Einzelfunde verwiesen werden, die nach den Wirren der Nachkriegszeit nur noch in Einzelstücken vorhanden sind und die dazu anregen könnten, die Grabungen einst wieder aufzunehmen, um das Bild der damaligen Wohnstätte mit zu erwartenden vielfältigen weiteren Fundstücken deutlicher zu illustrieren. Auf die damals gemachten Einzelfunde geht Havenstein in seinem Bericht detailliert ein: „So wurde gleich am ersten Tage, noch ehe der erste Spatenstich gemacht wurde, ein Steinbeil gefunden, wie es in seiner Art häufig in den bronzezeitlichen Siedlungen als Erbe der jüngeren Steinzeit-Kultur anzutreffen ist. Dieses Beil weist aber insofern eine Besonderheit auf, als es mit einer ringförmigen Anbohrung versehen ist. Dem bronzezeitlichen Menschen, der dieses aus einem hornblendehaltigen Gneis kunstvoll gefertigte Beil mit Hilfe einer aus einem Holzgestell und einem starken Röhrenknochen als Bohrer bestehende Bohrmaschine durchbohren wollte, ist einmal das Mißgeschick passiert, daß ihm das zu durchbohrende Werkstück einmal verrutschte, so daß die Bohrung etwas seitlich zu liegen kam. ... das Beil wäre ihm, falls er überhaupt damit hätte einen sicheren Schlag führen können, sehr bald an der Bohrstelle weggebrochen, da die eine Backe dicker war als die andere. So hatte er das halbfertige Beil kurzerhand weggeworfen, uns damit aber ein prachtvolles Schaustück frühgeschichtlicher Bohrkunst hinterlassen. Unter den zahlreichen Einzelfunden, die innerhalb der Hausgrube sowie in nächster Nähe des Hauses gemacht werden konnten, traten einzelne recht beachtenswerte Stücke hervor. Da ist zunächst ein kleines Rasiermesser, das heute noch mit einem scharfen Grat versehen, und mit kleinen ineinandergreifenden mondsichelartigen Verzierungen geschmückt ist. Der ziemlich lange Stiel ist am Ende breit geklopft, um einem Holzstiel besseren Halt zu gewähren. Die Reste zweier Garnrollen aus Ton sprechen dafür, daß die bronzezeitlichen Frauen nicht über die Finger aufwickelten, sondern höchst sorgsam aufspulten. Die Garnrollen, die in der äußeren Form genau den heutigen aus Holz gefertigten entsprechen, zeigen an beiden Seiten konische Vertiefungen. Es hätte kein Grund vorgelegen, die Stirnseiten nicht glatt, also ohne solche Vertiefungen anzufertigen; da sie aber vorhanden sind, haben sie wohl auch einem bestimmtem Zweck gedient, und wir gehen nicht fehl in der Annahme, daß das Garn nicht mit der Hand einfach aufgewickelt, sondern mit Hilfe einer aus Holz gefertigten Spulmaschine aufgespult wurde. ...“ „Daß Flachs neben dem Brotgetreide in großer Menge auch am Weidensee angebaut wurde, dafür spricht der Fund einer kleinen, schön verzierten Henkelschale, die nach der chemisch-mikroskopischen Untersuchung bis zum Rande mit Leinöl gefüllt war, das sich in verharztem Zustande und mit Sand durchsetzt, über 3000 Jahre erhalten hatte. Da die kleine Schale nahe am Herd stand, rührt das Leinöl möglicherweise von der letzten Mahlzeit her, die von den Bewohnern des Hauses hier eingenommen wurde. Eine große Anzahl von Wetzsteinen erzählt uns vom häuslichen Treiben der Männer, die auf diesen Steinen ihre Waffen und Werkzeuge herrichteten. Überraschend groß war die Zahl schön verzierter Reste von Schüsseln, Näpfen, Tellern und Schalen. Ein Löffel, der seinem Aussehen nach als Kinderlöffel angesprochen werden kann, ist am Stiel mit einem Loch versehen, durch das eine Schnur gezogen wurde, um ihn dem Kinde um den Hals hängen zu können. In das Brauchtum der Bronzezeit führt uns eine handgroße Scherbe mit dem Sinnbild des Lebensbaumes, das tief in den Bauch des Gefäßes eingegraben ist.“ Bodenstücke anderer Gefäße zeigten runenartige Zeichen, die diesen Gefäßen eine besondere Bedeutung zuwiesen. „Da bestimmte Gefäßformen wiederum mindestens in die dritte Periode der Bronzezeit gehören, muß man zu der Annahme kommen, daß die bäuerliche Ansiedlung am Weidensee mindestens über drei Jahrhunderte bestanden hat.“ „Beachtlich groß war auch die Zahl der Feuersteinabsplisse, die zur Verarbeitung von Holz oder Knochen Verwendung fanden. Bronze war kostspielig, und so bediente man sich zum Schneiden, Kratzen und Schaben der seit Jahrtausenden bestens für diesen Zweck bewährten, rasiermesserscharfen Schneide zerschlagener Feuersteine, die mühelos auf dem Felde aufgelesen werden konnten. Eine Bronzeschnalle, ein als Webenadel verwendeter und zu diesem Zweck mit einem Öhr versehener Vogelknochen, ein Stück Hirschgeweih, ein starker Rinderknochen, ... ein schöner Steinmeißel und ein weiteres zerbrochenes durchlochtes Steinbeil vervollständigten die Reihe der Funde ...“
Mit den beschriebenen, von Felix Havenstein organisierten und geleiteten Grabungen konnte das Bild der Frühgeschichte unseres Ortes erheblich bereichert werden.
siehe auch:
Historische Grabungen Felix Havensteins in Schöneiche
Quellen von Wolfgang Cajar
